Wenn das Radfahren zum Augenschmaus wird

 

 

Manche nennen es liebevoll Turnen auf dem Rad, dabei ist es viel mehr. Kunstradfahren ist eine Rad- und Ästhetik-Sportart, die über viele Jahre hinweg auch einmal in Dörlinbach ausgeübt wurde. Möglich machte dies der älteste Verein im Ort, der Radfahrverein „Schutterbund“ Dörlinbach – und mit Erfolg. Zuvor errang der Verein auch Erfolge außerhalb von Hallen, nämlich bei Straßenrennen als auch im Korsofahren.

Dörlinbachs Korsofahrerinnen und Korsofahrer im Jahre 1996 bei einer Wertungsfahrt in Offenburg-Weier.

Alle drei Sportarten werden heute im Verein (siehe auch unter Blog-Beitrag Radfahrverein Schutterbund Dörlinbach“) nicht mehr ausgeübt.

Zuletzt waren die Vereinsmitglieder nur noch im Korsofahren aktiv. Zur Zeit der Vereinsgründung im Jahre 1907 stand bei den damaligen Radfahrvereinen landauf, landab das Korsofahren im Mittelpunkt der Aktivitäten. Aber nicht nur das Langsam- und Formationsfahren, wie es damals genannt wurde, war beliebt, sondern auch Straßenrennen. Beide Sportarten stießen auch beim Dörlinbacher Radfahrverein auf regen Zuspruch. Doch über die Jahre hinweg hatte sich hier nur das Rad-Korso durchgesetzt.

Weltklasseniveau gab es im Juni 1987 in der Dörlinbacher Halle zu bestaunen: Die Kunstradfahrerinnen aus Bad Schussenried beim Bau einer Pyramide. Am Ende waren es 19 Mädchen und junge Frauen, die auf drei Fahrrädern ihre Kreise in der Halle drehten.
Impressionen vom Schaulaufen der Dörlinbacher Kunstradfahrerinnen beim 80-jährigen Stiftungsfest des Radfahrverein im Jahre 1987 in der Halle in Dörlinbach.

Der Verein nahm an Meisterschaften und Festumzügen teil. Vor allem vom Blumenkorso waren die Dörlinbacher Radlerinnen und Radler angetan, obwohl diese Kategorie immer mit erheblichem Aufwand verbunden war. Aufwändig deshalb, weil immer mit frischen Blumen am geschmückten Fahrrad gefahren werden musste. Es war aber zugleich jene Kategorie, die immer zu einem Augenschmaus für die Zuschauerinnen und Zuschauer am Straßenrand wurde.

Die wohl erfolgreichsten Jahrzehnte waren dabei sicherlich die 1980er- und 1990er-Jahre. Schon 1985 errang die Gruppe um Korsowart Josef Kaspar bei drei Wertungsfahrten zwei erste und einen zweiten Platz. Schnell war die Gruppe erfolgsverwöhnt und heimste auch 1986 einige 1-A-Preise ein. Übrigens die Standproben für die Wertungsfahrten fanden in jenen Jahren immer auf dem Schulhof der Neuen Schule statt. Und der Aufwärtstrend hielt an, meistens mussten sich die Korsofahrerinnen und -fahrer aus Dörlinbach nur denen aus Kartung, einem Ortsteil von Sinzheim, geschlagen geben. So wie beim 85-jährigen Stiftungsfest der Radsportverein „Edelweiß“ Weier bei Offenburg im August 1987. Doch dank eines verbesserten Blumenschmucks gelang des dem Dörlinbacher Radfahrverein, den Punkteabstand zu den in der gesamten Saison dominierenden Kartungern weiter zu verringern. Im darauffolgenden Jahr dann der Durchbruch: In den Jahren 1988 bis 1990 errang der Dörlinbacher Radfahrverein im Blumenkorso B dreimal in Folge den Titel im Bezirk III (Freiburg). Dem folgte 1991 die Vize-Bezirksmeisterschaft und im Jahr darauf der dritte Platz in der Jahresbilanz. Dies bedeutete jedoch nicht, dass die Korsofahrerinnen und -fahrer aus Dörlinbach schlechter geworden sind. Zum einen war zwar die Konkurrenz wieder stärker geworden, aber ausschlaggebend für die schlechtere Platzierung war die Tatsache, dass der Verein während der Saison nicht an allen Wertungsfahrten teilnehmen konnte. Starke Konkurrenz gab es unter anderem beim Bundesfest 1992 in dem Donaueschinger Ortsteil Neudingen, wo die Korsofahrerinnen und -fahrer aus Dörlinbach trotz einer Saison-Bestwertung sich nur auf dem fünften Platz wiederfanden. Bei besagtem Bundesfest, mit dem auch das 40-jährige Bestehen von Baden-Württemberg verbunden war, konnte dennoch eine gute Wertung erzielt werden, weil die Gruppe aus Dörlinbach sich etwas Neues und zugleich Originelles einfallen ließ. Etwas, was zu der damals vorherrschenden Hitze auch nicht besser hätte passen können. An allen Rädern hatten sie Sonnenschirme in den Vereinsfarben blau-weiß angebracht.

Weltklasseniveau in der Dörlinbach

In die Zeit der erfolgreichen Korso-Jahre fielen auch ebenso erfolgreiche Kunstrad-Jahre. Schon im Juli 1979 gab es in Dörlinbach bei einem sogenannten „Gartenfest“ des Radfahrvereins beim Sportplatz einen Vorgeschmack auf den Kunstradsport. Die radsportlichen Vorführungen im Einer- und Zweier-Kunstradfahren boten damals die befreundeten Vereine aus Kollnau und Denzlingen. Höhepunkte waren die Darbietungen von Gerhard Obert aus Mannheim, damals mehrfacher Deuter Meister und Europameister sowie von Hildegard Walther und Ursula Moritz aus Offenburg, ebenso mehrfache Meister auf nationaler sowie europäischer Ebene. Die Kunstraddarbietungen kamen in Dörlinbach hervorragend an, worüber sich der damalige Vorsitzende des Radfahrvereins „Schutterbund“, Andreas Reith, natürlich freute. Der Verein widmete sich fortan verstärkt dieser Sportart, die dann Mitte 1980er-Jahre bei den Mitgliedern so richtig angekommen war. Unter Reiths Nachfolger Hermann Rothweiler begann der Verein nicht nur eine tolle Kunstradgruppe aufzubauen, sondern es konnten auch immer wieder echte Kunstrad-Größen nach Dörlinbach geholt werden, womit eine besondere Ästhetik in die erst kurz zuvor im Jahre 1984 erbaute Turn- und Festhalle einzog.

Ein Höhepunkt war dabei sicherlich die Verpflichtung der Kunstradgruppe aus dem oberschwäbischen Bad Schussenried zum 80-jährigen Bestehens des Vereins. Deren beiden Spitzenfahrerinnen Hildegard Wahl und Martina Heimpel brachten buchstäblich Weltklasseniveau erstmals in die neue Dörlinbacher Halle. Und nicht nur Dörlinbachs Kunstrad-Nachwuchs (seinerzeit im Juni 1987 sechs Schülerinnen und drei A-Jugend-Mädchen) staunte damals nicht schlecht, als nicht weniger als 19 Mädchen aus Bad Schussenried auf drei Rädern eine Pyramide bildeten und so ihre Runden durch die Halle drehten. Dörlinbachs Kunstradfahrerinnen erzielten übrigens drei Monate zuvor erstmals einstellige Plätze bei den Bezirksmeisterschaften in Waltershofen. Unter anderem Anette Wangler (5.) und Alexia Griesbaum (6.) im Einzel Schüler weiblich Klasse B sowie Irene Hurst (8.) im Einzel Schüler weiblich Klasse C.

Die allererste Kunstradfahr-Veranstaltung in der Dörlinbacher Turn und Festhalle fand allerdings schon zwei Jahre zuvor im März 1985 statt. Auch da wurde schon einiges geboten. Dazu gehörte ein Vergleichskampf zwischen den Kunstradgruppen aus Dörlinbach und Kollnau, einem Stadtteil von Waldkirch. Zwar gewannen damals die Gäste die Gesamtwertung, aber die Jugend-Wertung ging klar an Gastgeber Dörlinbach. Im Rahmen dieser Sportveranstaltung wurden auch die Vereinsmeisterschaften beider Teams ausgerichtet. Als Krönung gab es zum Abschluss noch ein Radballturnier mit Mannschaften aus Prechtal und Offenburg. Die Veranstaltung brachte für den Dörlinbacher Radfahrverein das erhoffte Echo unter der hiesigen Dorfjugend. Schon ein Jahr später gehörten der Kunstradgruppe 15 aktive Kinder und Jugendliche an. Sportleiterin war übrigens Bärbel Völker, die zunächst zusammen mit ihren damals frischgebackenen Übungsleitern Sandra Wölfle und Harald Völker die Gruppe führte.

Bezirksmeister im Kunstradfahren

Alles Mädchen, von denen drei Jugendliche bei ihren ersten Bezirksmeisterschaften im Juni 1985 in Kollnau gute Mittelplätze belegten. Aber auch ein Junge gehörte von Anfang an mit dazu. Er er sollte auch gleich für Furore sorgen. Im Jahre 1985 stand Arthur Himmelsbach bei den Bezirksmeisterschaften für Jugendliche nämlich ganz oben auf dem Treppchen. Ein Erfolg, den er sogar im darauffolgenden Jahr wiederholen konnte. Auch 1986 bei den Meisterschaften in Denzlingen bei Freiburg ging somit in dieser Klasse der Bezirksmeistertitel nach Dörlinbach.

Dass diese Sportart seinerzeit sich großer Beliebtheit im Schuttertal erfreuen konnte, zeigten im März 1986 die zweiten Vereinsmeisterschaften in der Dörlinbacher Halle. Diese damals überaus gut besuchte Veranstaltung zählte zugleich zu einem Vergleichskampf zwischen Gastgeber Dörlinbach und dem Gastteam aus Riegel am Kaiserstuhl. Und auch diesmal konnten die Kunstradsportlerinnen und Kunstradsportler aus Dörlinbach eine Kategorie für sich entscheiden – die Schülerklasse A. Zum Abschluss der radsportlichen Veranstaltung gab es kein Radball wie im Vorjahr, sondern ein Schaufahren der Gastgeber. Dabei zeigten Martina Kaspar und Ilona Griesbaum sowie Sandra Wölfle mit ihrer Partnerin Bianca Bauer, dass sie die Disziplin des Zweier-Kunstradfahrens schon recht gut beherrschen. Anfang der 1990er-Jahre gab es unter Kunstradtrainerin Martina Kaspar und Nachwuchstrainerin Alexia Griesbaum auch erste Pokale für den weiblichen Nachwuchs. Diese erhielten die Mädels bei den Bezirksmeisterschaften als Team sowie auch im Einzel für die wenigsten Punktabzüge.

Das Aus für Kunstrad und Korso

Am Rande erwähnt: Im Mai 1996 mussten sich die „Velo-Künstler“ des Radfahrvereins einer ganz anderen Herausforderung stellen. Im Rahmen einer „Vereinsgaudi“, veranstaltet von der Bremsdorfer Narrenzunft, galt es sein Geschick auf einem Dreirad unter Beweis zu stellen. Stürze waren bei diesem Spiel unvermeidlich, dennoch zog sich das Radler-Team damals gut aus der Affäre. Bei dieser kuriosen Einlage ahnte wohl noch niemand, dass sowohl das Korsofahren als auch das Kunstradfahren es im neuen Jahrtausend in Dörlinbach nicht mehr geben wird. Spätestens als Jugend-, Korso- und Kunstradwart Josef Kaspar im Jahre 1997 seine Ämter abgab, war das Schicksal für die beiden Sportarten im Radfahrverein so gut wie besiegelt. Das Kunstradfahren stand eh vor dem Aus und die damalige Vereinsführung setzte andere Schwerpunkte. Der Unterhalt der Fahrräder war ihnen schlichtweg zu teuer geworden. Zusätzliche Kosten verursachte zudem auch immer wieder das einheitliche Trikot bei den Korsofahrerinnen und Korsofahrern. Als einzige aktive Gruppe verblieb zu Beginn des neuen Jahrtausends lediglich die Wandergruppe des Vereins.

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