Das Lied ist einzigartig

In Dörlinbach hat es eine lange Tradition, das Ende des alten Jahres und den Beginn des neuen Jahres mit einem Lied zu würdigen – dem Dörlinbacher Neujahrslied. Ein alter Brauch, der heutzutage allerdings kaum noch gepflegt wird.

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Dem Ursprung des Liedes gehen die früheren Gewohnheiten der jungen Männer am Silvesterabend voraus. Am letzten Abend des Jahres wurde sowohl im Gasthaus „Engel“ als aauch im Gasthaus „Löwen“ Karten gespielt. Damals war Cego (auch „Zego“) der absolute Renner. Ein Kartenspiel aus der Tarock-Familie, das hauptsächlich her im Badner Ländle, aber auch oben im Schwarzwald und am Bodensee verbreitet war. Um Mitternacht wurden die Karten bei Seite gelegt, die Spiele abgebrochen, schließlich galt es das neue Jahr zu begrüßen. Die Wirte spendeten übrigens seinerzeit immer zum Jahreswechsel einen Freitrunk.

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Die Karten waren somit jetzt Nebensache. In einzelnen Gruppen machten sich die jungen Männer auf den Weg, um in den einzelnen Häusern, die in der Regel zuvor abgesprochen wurden, das „Neujahr anzusingen“. Es waren zum Großteil jene Burschen des Jahrgangs, die gemustert und im Laufe des neuen Jahres zum Militärdienst eingezogen wurden. Sie bevorzugten natürlich jene Häuser, wo ihre Herzallerliebsten wohnten. Aber auch ältere Jahrgänge fanden an dem Brauch Gefallen und waren vereinzelt im Ort unterwegs.

Das Ansingen lief immer nach dem gleichen Ritual ab: Zunächst wurden einige Böller gezündet um die Hausbewohner zu wecken. Falls noch Licht brannte, entfiel das Aufmerksammachen, dann wurde gleich mit dem Singen begonnen. Aber nicht irgendwas, sondern das Dörlinbacher Neujahrslied. Das Lied ist einzigartig. Es gibt zwar zwei weitere Orte in Deutschland, die ebenfalls den Brauch des Neujahransingens pflegen, aber diese haben wie Dörlinbach ihr eigenes ganz spezielle Lied. Ein Ort ist mit Ottenheim ganz in der Nähe. In der Riedgemeinde ziehen die Leute ebenfalls nach Mitternacht durch die Straßen und begrüßen singend das neue Jahr. Zurück nach Dörlinbach: Nach dem Ansingen wurden die Neujahrsansänger ins Haus gebeten zu einem Umtrunk. Natürlich gab es auch was zu Essen oder zu Knabbern. Manche Gruppen zogen bis in den Morgen hinein von Haus zu Haus und ließen es sich bei den Umtrunks so richtig gut gehen.

Mit den Jahren verlor sich der Brauch ein wenig, nur noch selten waren Neujahrsansänger am Neujahrsmorgen zu hören. Die Katholische Junge Gemeinde (KJG) hauchte dem Brauch Mitte/Ende der 1970er-Jahre wieder neues Leben ein. Jedoch der Zeit angepasst. Treffpunkt war um Mitternacht in der Dorfmitte. Unter die jungen Männer mischten sich nun auch junge Frauen. Mitunter hatten die Ansängerinnen und -sänger statt einer Handorgel nun auch Gitarrenbegleitung dabei. Auch der Musikverein war fortan wieder mit Gruppen im Ort unterwegs. Der alte Brauch erfuhr in jenen Jahren großen Zuspruch bei den Jüngeren, aber auch Ältere wurden neu dazu animiert. Einige Touren dauerten übrigens genauso lange wie früher. Manch eine oder einer ging erst nach Hause, als andere bereits auf dem Weg zur Frühmesse waren.

Apropos Ansingen: Es war ratsam im Vorfeld das Neujahrslied einzuüben, denn es soll auch Leute im Ort gegeben haben, die „Falschsängern“ keinen Einlass gewährten. Das Licht blieb einfach aus, die Türen verschlossen, die Gruppe musste ohne Umtrunk weiterziehen. Und heute? In den letzten Jahren ist es leider wieder merklich ruhiger geworden um den Brauch. Das Dörlinbacher Neujahrslied ist kaum noch zu hören. Aber immerhin ist es noch nicht ganz verklungen.

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