Pfiffikus mit spitzer Zunge, viel Witz und Raffinesse

 

 

Hermann Fischer ist in Dörlinbach kein seltener Name. Und jene, die ihn tragen oder trugen, haben – jeder auf seine ganz besondere Weise – den Ort mitgeprägt. Aber einer ragt aus ihnen heraus. Nämlich jener, den man als ein ganz besonderes Dorforiginal des 20. Jahrhundert ansehen kann und darf: Hermann Fischer (1886 bis 1983), der als „d‘ ald‘ Fischer“ seinen Platz in der Ortsgeschichte einnimmt.

Dorforiginal Hermann Fischer (mit Gehstock) hat immer einen Blick für den Fotografen. Hier bei der Flurprozession an der Johannisfeier 1975.

Aber nicht nur sein Übername bleibt im Gedächtnis hängen. Er kannte sich in der Dorfgeschichte bestens aus, plauderte viel und gerne, besonders jedoch sind sein Witz und Humor fast schon legendär. In der zweiten Hälfte seines Lebens sind seine markanten Gehstöcke, seine heißgeliebten Tabakpfeifen und seine Hüte (darunter hin und wieder mal auch ein Zylinder) zu seinen Erkennungszeichen geworden. Vor allem ohne Pfeife – das war eigentlich undenkbar. Wenn er sie nicht gerade rauchte, hatte er sie aber fast immer begleitend in seiner Hand.

Dorforiginal Hermann Fischer aus der Hauptstraße.
Dorforiginal Hermann Fischer mit seiner zweiten Ehefrau Pauline, geb. Ketterer.

Hermann Fischer, dem der Schalk buchstäblich im Nacken saß, widmeten wir schon mehrere Blog-Beiträge (siehe auch unter Derlebacher G’schichtle „Mit Fahrrad und Nachthemd ins Gefängnis“, Folge 10 und „Schalk und Witzeerzähler bis ins hohe Alter“, Folge 18). Schon die Geburt machte aus Hermann Fischer einen besonderen Menschen. Er ist nämlich ein sogenanntes Schalttagkind, er erblickte an einem 29. Februar das Licht der Welt. Komisch an einem solchen Tag auf die Welt gekommen sein, gab es für ihn nie. Im Gegenteil, für ihn war es vor allem mit dem Älterwerden immer was Besonderes. Denn wer kann schon als Dorfältester von sich behaupten, dass er gerade einmal seinen 23. Geburtstag feiert. Und tags zuvor seinen 90. Geburtstag. Hoppla – wieso zuvor?! Wer einmal einen Blick in den Familienteil des Dörlinbacher Heimatbuchs geblickt hat, kann zumindest erahnen warum und ist vielleicht dennoch verwirrt. Im Heimatbuch ist Hermann Fischers Geburtsdatum mit dem 28. Februar angegeben. So soll es nämlich in seinen Passdokumenten gestanden haben. Wie das falsche Datum in seine Papiere kam und nie korrigiert wurde, ließ Fischer zeitlebens offen.

Erinnerungen an Heimatdichter

Als junger Kerl lernte er den Volksschriftsteller und katholischen Geistlichen Heinrich Hansjakob (1837 bis 1916) kennen. Immer wieder erzählte er von seinen Begegnungen mit dem Haslacher Heimatdichter, der laut Fischer oft ins Schuttertal gekommen sei. Pferd und Kutsche habe Hansjakob immer in Dörlinbach bei einem Bauern stehen lassen. Dieser lieh ihm dann ein Pferd, mit dem er durch den Durenbach ritt. Am 7. Februar 1921 heiratete Fischer mit knapp 25 Jahren Verena Grimm (1879 bis 1929). Zwei Jahre später bauten die Eheleute ein Haus in der Hauptstraße. Die Ehe mit Verena war allerdings nur von kurzer Dauer, sie verstarb kurz vor ihrem 50. Geburtstag. Bereits am 9. August 1930 trat Hermann Fischer erneut vor den Traualtar und schloss mit Paulina Ketterer (1905 bis 1990) zum zweiten Mal den Bund fürs Leben. Aus deren Ehe gingen sechs Kinder hervor, darunter wieder ein Hermann, zugleich der jüngste Spross. Über seinen ältesten Sohn Joseph Fischer (1931 bis 2019) gibt es übrigens weitere Infos unter dem Blog-Beitrag „Zimmermann Joseph Fischer“. Zwischen den Buben wurden vier Mädchen geboren. Darunter waren auch Zwillinge, die allerdings schon einen beziehungsweise zwei Tage nach der Geburt verstarben.

Hitler und seine Rindviecher“

Hermann Fischer, der schon vor dem Ersten Weltkrieg bei den 169ern in Lahr als Schuhmacher diente, hatte von Anfang an seine Probleme mit den Nationalsozialisten, die 1933 an die Macht kamen. Als letztlich sechs Jahre später der Zweite Weltkrieg ausbrach, dachte Fischer wohl am wenigsten dran, dass er mit seinen mittlerweile 53 Jahren noch zum Kriegsdienst herangezogen werde. Doch diese Hoffnung blieb unerfüllt, Hermann Fischer musste Kriegsdienst leisten. Probleme waren somit vorprogrammiert, zumal er eigentlich nie den Mund halten konnte. Immer wieder heimste er sich deswegen Ärger mit der Obrigkeit ein, bekam unter anderem einmal eine 12-tägige Strafe wegen einer Beleidigung. Der Krieg war noch nicht zu Ende, doch der Dörlinbacher mit spitzer Zunge wurde erst einmal nach Hause geschickt. Aber erneut tappte er im Wirtshaus mit der Wortwahl „Hitler und seine Rindviecher“ in ein dickes Fettnäpfchen. Und so ging für Fischer mit 58 Jahren der Kriegsdienst aufs Neue weiter. Er wurde in die Küche einer Marine-Artillerie-Abteilung beordert. Nach dem Krieg kam er in eine kurze englische Gefangenschaft, bevor er dann mit 60 Jahren in die Heimat zurückkehren konnte.

Zegospieler mit List und Raffinesse

In seinem letzten Lebensdrittel entwickelte sich Hermann Fischer, der bis dato ohnehin schon ein bewegtes Leben hatte, zu einem richtigen Dorforiginal. Zu seiner nach wie vor spitzen Zunge kamen ein breites Grinsen und viel Humor hinzu. Er hatte stets einen Witz auf der Lippe und erzählte ständig seine Geschichten, bei denen man oft nicht wusste, ob sie der Wahrheit entsprechen oder einfach nur erfunden sind. Neben einer Pfeife rauchen hatte Fischer noch eine andere große Leidenschaft – das Zego spielen. Zego (auch Cego geschrieben) ist ein Kartenspiel, das früher sehr gerne und oft gespielt wurde. Vor allem in den Wirtshäusern. Allerdings ist diese besondere Form aus dem Tarok nur in wenigen Gebieten Deutschlands beliebt gewesen, wozu auch das Schuttertal und somit auch Dörlinbach gehörte. Auch Fischer klopfte Zego gerne in den Gasthäusern, aber noch viel lieber beim Nachbarn. Denn dort gewann er fast immer. Es vergingen einige Jahre, bis seine Spielpartner bemerkten, warum Fischer ausgerechnet beim Nachbarn nahezu unbesiegbar war. In der Wohnstube hing ein mit einer schräger Neigung angebrachter Spiegel. Dieser gewährte dem pfiffigen Fischer meist einen guten Einblick in die Karten seiner Mitspieler – vorausgesetzt er konnte den richtigen Platz einnehmen.

Ein großer Tag war für Hermann Fischer zweifelsohne der Festsonntag bei den 750-Jahr-Feierlichkeiten in Dörlinbach. Denn da stand er ganz groß im Rampenlicht. Zum einen als willkommener Interviewpartner für die lokalen Presse. Zum anderen in der Kutsche der Dorfältesten beim Historischen Festzug. Er genoss sichtlich den Jubel der Leute am Straßenrand. Und auf dem Festplatz war er natürlich ein gern gesehener Gesprächspartner. Im Jahre 1980 konnte Hermann Fischer noch einmal einen „großen Bahnhof“ genießen. Zahlreiche Bürgerinnen und Bürger ließen es sich nicht nehmen anlässlich der „Goldenen Hochzeit“ mit seiner zweiten Frau Pauline dem Festgottesdienst beizuwohnen. Die Fahrt zur Kirche erfolgte diesmal jedoch nicht in einer schmucken Kutsche, sondern in einem ebenso edlen Oldtimer.

Ohne Schnaps in den Himmel

Hermann Fischer war zweifelsohne ein Kandidat für das Erreichen des 100. Geburtstags gewesen. Doch das Schicksal wollte ein anderes Drehbuch für den „alden Fischer“. Knapp acht Monate nach seinem 97. Geburtstag erkältete sich das Dorforiginal, holte sich dabei eine Lungenentzündung und verstarb. Passend zu Fischers Witzen und Humor ging gleich die Nachricht um im Ort, seine Frau habe ihm sein tägliches Schnäpsle verwehrt, daraufhin sei er gestorben. Das Nein zum Schnaps war natürlich seiner schweren Krankheit geschuldet. In Anlehnung an Fischers Geschichte vom Spinnfaden, der nicht bis ganz nach unten reichte (siehe dazu Derlebacher G’schichtle, Folge 18), schließt die Redaktion mit einem Augenzwinkern: Auch ohne Schnaps wird Einlass in den Himmel gewährt!

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