Von der Bauernstube zum Speiselokal

 

 

Die Geschichte der Gasthäuser geht bis in die Antike zurück. Mit einfachen Stuben, in denen Gäste beziehungsweise Reisende bewirtet wurden, hat alles begonnen. In Dörlinbach können wir allerdings nicht so weit zurückblicken, aber es gab schon im 14. Jahrhundert eine Trinkstube aus der das heutige Gasthaus „Zum Engel“ hervorging (dem werden wir uns noch einem gesonderten Blog-Beitrag widmen) und es gab ein aus Holz erbautes Bauernhaus mit einer Bauernstube, die auch als Wirtschaftsraum genutzt wurde.

Das ehemalige Gasthaus und Speiselokal „Zum Löwen“ im Juli 2022.

Diese Bauernstube war sozusagen der Vorläufer des späteren Gasthauses „Zum Löwen“. In Kirchenbüchern wird Anton Rösch aus Biederbach erstmals als „Löwen“-Wirt bezeichnet. Datiert ist diese Nennung auf das Jahr 1788. Röschs Geburtsdatum ist nicht bekannt, gestorben ist er 1831. Es gibt allerdings eine Unklarheit: Im Familienteil des Dörlinbacher Heimatbuchs ist Anton Rösch als Weber aufgeführt, der ab 1793 Wirt auf dem „Löwen“ gewesen sein soll.

Das ehemalige Gasthaus und Speiselokal „Zum Löwen“ im Juli 2022.
Juli 2022: Das schmiedeeisernes Wirtschaftsschild ist mittlerweile in die Jahre gekommen, der Löwe verliert seine goldene Farbe.

Am 26. Februar 1781 heiratete er Anna Maria Göppert (1760 bis 1835), die ihm zehn Kinder gebar. Das Letzte wurde allerdings tot geboren. Der zweitälteste Sohn Joseph (1788 bis 1847) folgte Anton Rösch als Löwenwirt. Aus dessen erster Ehe mit Barbara Burger (1794 bis 1827) gingen sechs Kinder hervor. Der jüngste Spross Wilhelm (1824 bis 1906), ein gelernter Bäcker, trat die Nachfolge als Löwenwirt an. Nach sieben Kindern mit Elisabetha, geborene Griesbaum (1825 bis 1863), heiratete Wilhelm zwei Jahre nach dem Tod seiner ersten Frau erneut. Mit Rosina, geborene Griesbaum (1843 bis 1926), hatte er noch spät eine Tochter. Es war Josefine Rösch (1869 bis 1960), die am 12. Mai 1891 den aus dem Elztal stammenden Bäcker Nikolaus Wehrle (1864 bis 1912) heiratete. Mit ihm kam nicht nur der Name Wehrle auf den „Löwen“, sondern auch erstmals nach Dörlinbach. Knapp eineinhalb Jahre nach der Hochzeit traf das junge Paar am 19. Oktober 1892 mitten in der Nacht ein Schicksalsschlag. Das Gehöft brannte nieder. Es war Brandstiftung, der oder die Täter konnten nie ermittelt werden.

Auf Hauswiese neue Gaststätte gebaut

Die Wehrles standen vor dem Nichts. Trotz aller Nöte wagten sie einen Neuanfang. Auf einer davor liegenden Hauswiese errichteten in den Jahren 1893/1894 Nikolaus und Josefine Wehrle das heutige „Löwen“-Gebäude. Schon im alten „Löwen“ hatte Nikolaus Wehrle neben der Gaststube einen Bäckerladen geführt, den er im neuen „Löwen“ zu einem Kolonialwarenladen erweiterte. Und im Jahre 1912 gründeten die Wehrles, die inzwischen zu einer Großfamilie angewachsen sind, eine Teigwarenfabrik (siehe dazu auch unter Blog-Beitrag „Nudelherstellung in Dörlinbach“). Alles schien gut zu gehen, der Neuanfang war geglückt. Aber 1912 war zugleich jenes Jahr, in dem am 10. August das Schicksal ein zweites Mal zuschlagen sollte. Nikolaus Wehrle stürzte vom Heustock und brach sich dabei das Genick.

Der Teigwarenfabrik wurde im Jahre 1930 eine Bäckerei angeschlossen. Zwei Jahre später wurde schließlich der Besitz an die fünf Söhne von Nikolaus und Josefine Wehrle aufgeteilt. Die Teigwarenfabrik samt Bäckerei übernahmen die Brüder Oskar, Emil und Karl. Sohn Rudolf erhielt die Landwirtschaft. Das Gasthaus „Zum Löwen“ ging an Sohn Friedrich, der im Ort meist nur Fritz gerufen wurde. Er hatte das Küferhandwerk erlernt und arbeitete viele Jahre in eigener Werkstätte im Keller. Die Betreuung der „Löwen“-Gäste oblag in dieser Zeit weitgehend seiner Frau Amalia, eine geborene Hämmerle (1908 bis 1992), eine Tochter des damaligen „Sonne“-Wirts in Schweighausen. Fritz‘ und Amalias zweitjüngster Sohn Karl Wilhelm, (1940 bis 2020), den alle nur Willi nannten, heiratete im September 1964 in St. Märgen die aus Reichenbach stammende Thekla Maria Magdalena Rappenecker (1944 bis 2021). Zwei Jahre später erfolgte die Übergabe an Willi und Thekla Wehrle. Niemand konnte zu dem Zeitpunkt erahnen, dass sie die letzte Wirte-Generation auf dem „Löwen“ sein werden. Denn Willi als Metzgermeister und Koch sowie Ehefrau Thekla als Restaurant-Fachfrau kümmerten sich seit der Übernahme nicht nur um das Wohl ihrer Gäste, sondern gaben dem „Löwen“ auch ein neues, moderneres Erscheinungsbild.

Mehrere vorteilhafte Veränderungen

Unter anderem erstrahlte der Gastraum mit 80 Sitzplätzen durch mehrere vorteilhafte Veränderungen in einem neuen Antlitz. Zudem wurde im Jahre 1974 im Nebenzimmer eine Bauernstube mit 40 Plätzen eingerichtet. Den Mittelpunkt der Bauernstube bildete ein Kachelofen, der im Winter für eine wohlige Wärme sorgte und daher bei den Gästen sehr beliebt war. Und auch dem Fremdenverkehr widmete sich das Wirte-Ehepaar zu. In den beiden Obergeschossen wurden insgesamt 15 Fremdenzimmer in moderner Ausstattung ausgebaut. Zu einem beliebten Anlaufpunkt wurde jedoch das Kellergeschoss, wo sich die Küferwerkstätte von Fritz Wehrle befand. Denn in die einstige Werkstätte zog eine Sauna sowie ein Solarium ein. Aber nicht nur das innere Erscheinungsbild veränderte sich nach und nach. Die Fassade erstrahlte mittlerweile in Grün. Auch an Blumen mangelte es nicht und ein herausgeputztes schmiedeeisernes Wirtschaftsschild weist auf die Geschichte des Hauses hin. Der „Löwen“ wurde als Speiselokal zu einem Begriff – nicht nur im Schuttertal.

200 Jahre „Löwen“ gefeiert

Egal ob 1788 oder doch erst 1793 – vertrauend auf den Kirchenbuch-Eintrag wurde im September 1988 groß der 200. Geburtstag des „Löwen“ gefeiert. Unter anderem mit einer „Badischen Spezialitäten-Woche“ , die zugleich die Leistungsfähigkeit der „Löwen“-Küche untermauern sollte. Manche ältere Bürgerinnen und Bürger werden sich vielleicht noch daran erinnern. Vielleicht auch an die „Schuttertäler Gerstensuppe“, eine von vielen Spezialitäten, die damals alle aus eigener Produktion kamen. Die Jubiläumswoche nahmen die damaligen Wirtsleute auch zum Anlass zu einem zweiten Wehrle-Treffen nach Dörlinbach einzuladen. Die Wehrles waren seinerzeit auch in Südbaden und Westfalen ansässig. Infos zu deren allererstem Wehrle-Treffen im Jahre 1986 gibt es übrigens unter dem Blog-Beitrag „Erinnerungen an die Ahnen“.

Thekla und Willi Wehrle hatten vier Kinder – alles Mädels. Zwei der Töchter wendeten sich beruflich der Gastronomie zu, aber weder sie noch die anderen beiden Töchter übernahmen zu einem späteren Zeitpunkt das elterliche Speiselokal. Die Ära Wehrle endete noch vor der Jahrtausendwende auf dem „Löwen“. Zwar fand sich für kurze Zeit noch einmal ein Pächter, aber mit Beginn des neuen Jahrtausend stand das Gasthaus erst einmal leer. Klaus Faißt übernahm schließlich im Jahre 2005 als neuer Besitzer das „Löwen“-Areal. Faißt, ein gebürtiger Dörlinbacher, der mittlerweile in Seelbach lebt, hält seither den Geist des ehemaligen Gasthauses wach, bietet die Lokalität unter anderem für Feste und Feiern an. Unter anderem fanden in den Jahren 2017 bis 2019 auch mal wieder Fasnachtsveranstaltungen im „Löwen“ statt. Und einmal in der Woche – anfangs freitags, später samstags – öffnete Faißt auch den „Löwen“ für Gäste.

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