„D’Oskar un d’Botter-Rumä“

Dem Fasentstreiben in Dörlinbach liegt eine nette Begebenheit zugrunde. Viele sehen den Bäckermeister Oskar Wehrle und sein Nachbar Roman Ohnemus als die Wegbereiter allen närrischen Geschehens im Ort. In den Nachkriegsjahren hatte nämlich Oskar sich etwas Besonderes für die Fasnachtszeit ausgedacht. Und so wurde es alsbald zur Gewohnheit, dass sich am „Fasentsmändig“ (Rosenmontag) die Schulkinder aber auch schon die größeren Jugendlichen zwischen Rathaus und dem Gasthaus „Löwen“ versammelten. Sie alle warteten aus Oskar, der im Laufe des Nachmittags mit einem großen Brotkorb auftauchte. Er selbst war dabei immer mit Kleidern aus alter Zeit ausstaffiert. Und im Brotkorb lagen keine Brötchen oder sonstiges Gebäck. Vielmehr hatte er den ganzen Korb voller „Gutsele“ (Bonbons). Diese warf er in die Menge. Natürlich gab es unter den Kindern hin und wieder auch ein „Geschubse“, schließlich wollten alle von Oskars Süßigkeiten erhaschen.

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Und nun kam auch besagter Roman ins Spiel, den alle im Dorf als „Botter-Rumä“ kannten. Die beiden hielten nach dem Auswerfen der Süßigkeiten immer einen närrischen Vortrag aus einem der Fenster der „Löwen“-Gaststätte. Gemeinsam munterten sie die Kinder und Jugendlichen auf an einem närrischen Umzug durch den Ort teilzunehmen. Oft ging dieses närrische Treiben bis in die Abendstunden hinein. Am Abend dann versammelten sich die beiden Motivatoren mit ihrem älteren Anhang nochmals in beiden Gaststätten – im „Löwen“ als auch im „Engel“ – zu einem sogenannten „Fasentstanz“. In jenen Nachkriegsjahren gab es noch keinen „Fasentsball“ oder sonstige närrische Veranstaltungen.

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Die Mädchen-Jugend aus jener Zeit machte übrigens tagsüber auch schon mit, wobei sie Kostüme aus alten Röcken und Kleidern aus der Zeit ihrer Eltern und Großeltern trugen. Dabei fehlte es auch nie an Trachtenröcken und Kopfbedeckungen, die irgendwo in einer Truhe oder gar auf dem Speicher schlummerten und just zu diesem Ereignis wieder hervorgeholt wurden. Bei den älteren Leuten war dieses Fasentstreiben noch nicht so beliebt. Sie konnten in dieser Anfangszeit dem Spruch: „Wer über Fasent kein Narr ist, ist das ganze Jahr einer“, noch nichts abgewinnen. Doch die Jüngeren hegten und pflegten in den Folgejahren dieses Fasentstreiben und mit der Zeit fanden dann auch die älteren Leute im Ort immer mehr Gefallen daran. Erst recht natürlich, als sich auch Musiker zu der stetig wachsenden Narrenfamilie hinzugesellten. Sogleich nahm auch der Umzug immer größere Dimensionen an. Das Narrenvolk zog fortan an der Fasent von der Hub bis nach Höfen.

Der Musikverein übernahm sozusagen das „Erbe“ von den zwei Protagonisten, dem Oskar und dem Botter-Rumä, und bewahrte somit das fasnächtliche Brauchtum in Dörlinbach. Es war eine Zeit in der dann aber nicht nur Oskar Wehrle und Roman Ohnemus das fasnachtliche Bild prägten. Auch Basilius Deibel, Anton Wölfle und Georg Griesbaum hatten damals der „Derlebacher Fasent“ – jeder auf eine besondere und unvergessliche Weise – seinen Stempel aufgedrückt.

Diesem Blog-Beitrag haben wir ein einminütiges Filmchen mit dem Titel „Derlebacher Rosemaendig 1968 mit Gutselewerfer Oskar“ angefügt. Leider haben wir diese kurzen Sequenzen nur als Stummfilm-Version. Darauf zu sehen sind neben dem Oskar noch weitere Dörlinbacher Originale wie beispielsweise „d’Fischer Sattler“ alias Hermann Joseph Fischer oder „s’Maxe Eugen“ alias Max Eugen Singler.