Die Macher: Nikolaus, Karl, Oskar, Fritz und Emil Wehrle

 

 

Heutzutage werden beliebig geformte Teigwaren, die vor dem Verzehr gekocht werden, als Nudeln bezeichnet. Hergestellt werden Nudeln meistens aus Hartweizengrieß oder Dinkel unter Zugabe von Wasser beziehungsweise Eier. Eher seltener aus Mais, Hirse oder Reis. Und teilweise werden auch färbende Zutaten dazugegeben als auch Kräuter und Gewürze.

Mai 2022: Das im Jahre 1949 errichtete Gebäude der Firma Wehrle &. Co. wird heute nur noch für Lagermöglichkeiten verschiedener Handwerker genutzt.

Heute übernehmen Maschinen die Herstellung von Nudeln, früher war es um so mühseliger. Dennoch stand die maschinelle Fertigung in ihren Anfängen lange in Konkurrenz mit der hausgemachten Nudel. Wie vielerorts in der Region gehörte früher auch in Dörlinbach die Herstellung von Nudeln in jeden Haushalt. Vor allem wenn man mal wieder zu viele Eier zu Hause hatte, war in den Familien ein Nudeltag angesagt. Der Renner waren dabei vor allem die Bandnudeln.

Mai 2022: Das im Jahre 1949 errichtete Gebäude der Firma Wehrle &. Co. wird heute nur noch für Lagermöglichkeiten verschiedener Handwerker genutzt.
Mai 2022: Das im Jahre 1949 errichtete Gebäude der Firma Wehrle &. Co. wird heute nur noch für Lagermöglichkeiten verschiedener Handwerker genutzt.

Als im Mai 1891 der aus dem Elztal stammende Bäcker Nikolaus Wehrle (1864 bis 1912) als neuer Löwenwirt für eine neue Geschlechterfolge im „Gasthaus Löwen“ sorgte, konnte noch niemand ahnen, dass dadurch die seinerzeit gerade aufkommende maschinelle Nudelherstellung auch einmal in Dörlinbach Fuß fassen würde. Die Idee dazu kam wohl von dessen Sohn Karl, der das Bäckerhandwerk erlernte und dabei auch die Nudelherstellung kennengelernt hatte. Dies geht aus Aufzeichnungen von Karl Hermann Wehrle hervor, die er auf Grundlage einer Tonbandaufzeichnung aus dem Jahre 1974 für eine 1986 erschiene Wehrle-Chronik niedergeschrieben hatte. Auf besagtem Tonband beschreibt dessen Vater Oskar Wehrle (1897 bis 1983) den Werdegang der Wehrle Nudelfabrikation, die Anfang der 1950er-Jahre stillgelegt wurde.

Oskars Erinnerungen auf Tonband

In Oskar Wehrles Erinnerungen heißt es, dass Karl Wehrle (1892 bis 1955) am Fasnachtssonntag des Jahres 1911 nach Abbruch seiner Volontärszeit in der Konditorei Keller in Freiburg nach Hause zurückkehrte und seinem Vater Nikolaus vorschlug, die Herstellung von Nudeln aufzunehmen. Damit sollte für die Familie mit den damals sieben Kindern, die bisher von den Erträgen der Gastwirtschaft, der Bäckerei und einer kleinen Landwirtschaft leben musste, eine zusätzliche Einkommensquelle erschlossen werden. Auf diesen Vorschlag soll Nikolaus Wehrle seinem Sohn Karl geantwortet haben: „Ja, do wurd noch ebbis verdient, des mache mer mitnander“. Für Nikolaus Wehrle war es eh nicht ganz fremd, da er ohnehin gelegentlich Nudeln herstellte. Vor allem für Hochzeiten oder andere Feierlichkeiten, die in seinem Gasthof abgehalten wurden. Die Nudelherstellung wurde nun also planmäßig angefangen. Vater und Sohn schafften sich dazu eine Nudelwellmaschine an, die allerdings noch mit Hand angetrieben werden musste. In die Rolle des Kubeldrehens musste meistens Karls jüngerer Bruder Oskar schlüpfen. Statt spielen mit Gleichaltrigen drehte Oskar immer und immer wieder an der Kurbel.

Dem „Kurbeldreher“ von einst ist es jedenfalls zu verdanken, dass durch seine spätere Tonbandaufzeichnung die mehr als 40-jährige Geschichte der Nudelfabrikation von den kleinsten Anfängen bis zur fabrikmäßigen Herstellung nicht in Vergessenheit gerät. Und so ist auch belegt, dass dank guter Qualität bald auch die Nachfrage nach den Nudeln stieg. Die Wehrles konnten die Nudeln (auf ein Pfund Mehl wurden vier Eier verarbeitet) nicht nur im eigenen Geschäft, sondern auch in den Gastwirtschaften der Nachbarorte verkaufen. Zugute kam ihnen dabei auch, dass sie im Preis zehn Pfennig unter der Konkurrenz lagen. Laut den Aufzeichnungen lag damals der Preis für ein Pfund Nudeln bei 80 Pfennig. Für ein Ei mussten sechs bis sieben Pfennige bezahlt werden. Da man die eigene Arbeit nicht berechnete, ergab sich ein für die damaligen Verhältnisse ansehnlicher Verdienst.

Hünersedel“ und „Schwarzwaldmädchen“

Die Wehrles hatten sich gerade mit ihrer Nudelfabrikation einen Namen gemacht, der Verkauf lief prächtig, da traf sie am 10. August 1912 ein schwerer Schicksalsschlag. Vater Nikolaus verunglückte tödlich (siehe dazu auch Blog-Beitrag „Erinnerungen an die Ahnen“). Die Nudelfabrikation wurde jedoch von der Familie weitergeführt. Als sich dann das Geschäft weiter gut entwickelte, wurden die Nudeln unter der Markenbezeichnung „Hünersedel“ und die beste Qualität unter dem Namen „Schwarzwaldmädchen“ angeboten. Zugleich wurden sie nicht mehr nur lose, sondern auch abgepackt an verschiedene Lebensmittelgeschäfte verkauft. Die Nudeln gab es zudem in drei Qualitätsstufen.

Die Expansion spiegelte sich auch im Betrieb selbst wider: Um größere Mengen fertigen zu können, brauchten die Wehrles auch andere Trockenmöglichkeiten. Gegen eine Konzessionsgebühr von 150 Mark erwarben sie die Erkenntnisse, wie Nudeln in einem Raum getrocknet werden können. Sogleich wurde ein solcher Trockenraum eingerichtet und dadurch die Produktion weiter gesteigert werden. Im Frühjahr 1914 wurden zudem weitere Maschinen erworben. Alles Gebrauchte – eine Wellmaschine, eine Presse und eine Schneidemaschine – für rund 1.500 Mark. Allerdings hatten die Wehrles dafür nur 500 Mark frei, den Rest deckte die Brauerei mit einem Kredit ab. Und noch eine Hürde musste gemeistert werden. Um die erworbenen Maschinen betreiben zu können, musste nämlich auch ein Benzinmotor zur Stromerzeugung angeschafft werden. Grund: Dörlinbach hatte seinerzeit noch keinen keinen elektrischen Strom.

Zu Beginn des Ersten Weltkriegs lag die Tagesproduktion bei zwei Zentnern. Zum Vergleich: Als noch alles per Hand gemacht hergestellt wurde kamen die Wehrles gerade einmal auf 30 bis 40 Pfund am Tag. Durch den Krieg wurde dem stetig wachsenden Erfolg jäh ein Ende gesetzt. Zu Beginn wurde zuerst Macher Karl Wehrle eingezogen. Oskar, der ebenfalls das Bäckerhandwerk erlernt hatte, und dessen Bruder Friedrich (1895 bis 1982), im Ort eigentlich immer nur Fritz genannt, führten die Produktion erst einmal weiter. Doch im Mai 1915 wurde auch Fritz Wehrle eingezogen. Zugleich waren zu diesem Zeitpunkt auch die Mehlbestände bei den Wehrles aufgebraucht, die Fertigung wurde eingestellt. Karl Wehrle, für den die Maschinen „heilig“ waren, wies seinen zurückgebliebenen Bruder Oskar von der Front aus an, dass er die Maschinen erst einmal sorgfältig einmotten solle.

Neuanfang nach dem Ersten Weltkrieg

Bis auf Bruder Wilhelm (1893 bis 1918) kamen schließlich alle Wehrle-Buben heil aus dem Krieg zurück und begannen wieder mit der Nudelherstellung. Doch zunächst gab es eine wichtige Neuerung für den gesamten Ort. Im Jahre 1919 sorgten nämlich die Wehrles maßgeblich für eine Elektrizitätsleitung im Ort. Damit konnte nun auch erstmals der notwendige Strom für den Fabrikbetrieb aus einem Netz entnommen werden. Wehrles Nudelfabrikation nahm wieder Fahrt auf. Mit dem Lebensmittelgroßhändler Zimmermann in Lahr, der im Jahre 1921 größere Mengen Hartweizengries auf Lager hatte, trafen die Wehrle-Brüder eine Vereinbarung. Dessen Hartweizengries wurde zu Nudeln verarbeitet, laut den Tonaufzeichnungen von Oskar Wehrle im Lohnauftrag. Die eingegangene Geschäftsbeziehung wurde ausgebaut, wodurch schließlich auch der Maschinenpark erweitert werden konnte. Zudem wurde die Trockenkapazität auf nunmehr drei Trockenräume erhöht. Die Tagesproduktion stieg somit auf zehn Zentner. So konnten die Wehrles auch weitere Großhändler beliefern, darunter Jung in Freiburg und Spinner in Offenburg.

Ende der 1920er-Jahre hatte der Umsatz bereits 100.000 Mark überschritten. Somit war für die Wehrles die Gründung einer Firma unumgänglich geworden. Diese erfolgte zum 1. Januar 1929. Sie einigten sich auf „Wehrle & Co.“ als Firmennamen. Gesellschafter waren die Brüder Karl und Oskar sowie deren jüngster Bruder Emil Wehrle (1900 bis 2002). Fritz Wehrle hingegen kümmerte sich wieder um das elterliche Gasthaus. Das Gründungsjahr sollte dann auch mit einem Gewinn von 15.000 Reichsmark das beste Geschäftsergebnis bringen. Ein solches Ergebnis wurde in den Folgejahren nie mehr erreicht, zumal auch ab 1930 die Geschäfte infolge der schlechten Wirtschaftslage und hoher Arbeitslosigkeit zunehmend schlechter wurden. Die Wehrles hatten auch erhebliche Geldverluste, weil sie viele Forderungen an Kunden nicht eintreiben konnten. Allein durch den Konkurs der Freiburger Firma Jung ging den Wehrles rund 5.000 Mark verloren. Bis zu zehn Arbeiter und eine Büroangestellte hatte bis dahin Wehrle &. Co., doch nun mussten erste Arbeiter entlassen werden. Dennoch lief die Nudelfabrikation weiter und in den Jahren kurz vor dem Zweiten Weltkrieg gab es endlich wieder einen Aufschwung. Dadurch konnte auch im Jahre 1938 das erste Firmenauto angeschafft werden.

Der Zweite Weltkrieg verlief für die Wehrles jedoch weit besser als der Erste. Dies lag nicht zuletzt auch daran, dass bei Kriegsbeginn im Jahre 1939 die Zwangsbewirtschaftung eingeführt wurde. Den Herstellern wurden Kontingente zugewiesen für die Produktionsmenge. Belegt ist beispielsweise, dass nach Anschaffung einer größeren Teigmaschine, einer Schneckenpresse und weiterer Trockenapparate die Tagesleistung im Jahre 1942 bei 30 Zentnern lag. Und da die Produktion durch feste Zuteilungen an die Großhändler voll abgenommen wurde, lief der Betrieb der Wehrles auf vollen Touren und weitgehend auch reibungslos bis zum Kriegsende. Zeitweise musste sogar mit zwei Schichten gearbeitet werden. Bis nach der Währungsreform im Jahre 1948 lief die Fertigung ähnlich gut wie während der Kriegszeit weiter, da die Zwangsbewirtschaftung erst einmal weiterlief. Jeder der drei Brüder hatte seine Rolle im Betrieb gefunden. Bäckermeister Karl Wehrle hatte die kaufmännische Leitung inne, Bäcker Oskar konzentrierte sich vorwiegend auf die dazugehörige Bäckerei und das Lebensmittelgeschäft und der Jüngste, Emil, kümmerte sich nach seiner Heimkehr aus französischer Gefangenschaft als gelernter Mechaniker um den Maschinenpark.

Das Aus kam Anfang der 1950er-Jahre

Im Jahre 1949, nichtsahnend dass es schon bald die Firma Wehrle &. Co nicht mehr geben wird, wurden die alten Gebäude abgerissen und ein neues Firmengebäude für damals 30.000 Deutsche Mark errichtet. Das Problem jedoch: Die Wehrle-Brüder hätten nach dem Ende der Zwangswirtschaft, nun wieder selbst einem entsprechenden Vertriebsapparat mit einem neuen Kundenstamm aufbauen müssen. Hierzu fehlten ihnen jedoch die finanziellen Mittel. Hinzu kam eine fortschreitende Erkrankung von Karl Wehrle, der zuvor die Geschäftspolitik weitgehend bestimmt hatte. Die Folge: Anfang der 1950er-Jahre wurde die Nudel-Produktion stillgelegt. Nach dem Tod von Karl Wehrle im Jahre 1955 wurden die Maschinen nach und nach verkauft, soweit Käufer dafür gefunden werden konnten. Für Teile der Gebäude konnte ebenfalls eine Lösung gefunden werden, allerdings erst nach längerem Suchen. Unter anderem konnten die Trockenräume an die Firma VIVIL vermietet werden. Das endgültige Aus von Wehrle & Co. kam im Jahre 1965. Die beiden verbliebenen Gesellschafter Oskar und Emil Wehrle lösten die Firma auf und ließen sie im Handelsregister löschen.

Und heute? VIVIL in der ehemaligen Nudelfabrik ist mittlerweile auch schon längst Geschichte. Die Räumlichkeiten wurden danach und werden bis heute teilweise von Handwerkern als Lagerraum sowie auch als Wohnraum genutzt. Der Verkaufsraum von Oskar Wehrles Sohn, dem Bäckermeister Helmut Wilhelm Wehrle (1935 bis 1998), der zunächst die Bäckerei und das Lebensmittelgeschäft weitergeführt hatte, wurde in der Folge durch unterschiedliche Betreiber als Lebensmittel- beziehungsweise Brotladen genutzt. Seit 2021 befindet sich in dem ehemaligen Verkaufsraum nun ein gut florierender Kebab-Laden.

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