Volkssport mit vielen Facetten

Ende Oktober 2020 sollten die 40. Internationalen Volkswandertage in Dörlinbach stattfinden, wozu der Radfahrverein „Schutterbund“ Dörlinbach seit Anfang der 1980er-Jahre jährlich im Herbst ins Schuttertal einlädt. Doch die Richtlinien einer im Frühjahr beginnenden Pandemie ließen eine solche Volkssportveranstaltungen nicht zu.

Impressionen von den IVV-Wandertagen des Radfahrvereins Dörlinbach Ende Oktober 2004.

Aus den Reihen der vereinseigenen Wandergruppe kam damals die Anregung, selbst Volkssportveranstaltungen auszurichten. Für den damaligen Vorsitzenden Walter Hollstein ein Risiko, doch er ließ die Gruppe gewähren. Wenn sie für mögliche Unkosten aufkommen, dann können sie das Wagnis einer solchen Großveranstaltung eingehen, soll er damals zu den Initiatoren gesagt haben. Die wiederum ließen sich von ihrem Vorhaben nicht beirren und organisierten die ersten Wandertage im Schuttertal. Und zu Freude aller, insbesondere des damaligen Vorsitzenden, fand die Veranstaltung großen Zuspruch landauf, landab. Stolze 1662 Teilnehmer konnten gezählt werden, eine Zahl, die heute noch den „Machern von damals“ ohne nachzudenken über die Lippen geht.

Impressionen von den IVV-Wandertagen des Radfahrvereins Dörlinbach Ende Oktober 2004.
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Ob dieses Erfolgs war klar, dass es nicht bei einer „Eintagsfliege“ bleiben würde. Fortan lud der Radfahrverein zu Internationalen Volkswandertagen nach Dörlinbach ein. Und in den ersten Jahren mit wachsendem Erfolg, was in erster Linie auf die seinerzeit in Lahr stationierten kanadischen Streitkräfte zurückzuführen ist. Denn ein Großteil seiner Angehörigen fanden Gefallen an diesen Volkssportveranstaltungen. So stark, dass der Radfahrverein teilweise bis zu 2500 Teilnehmer verbuchen konnte, wovon alleine die größte der beiden kanadischen Wandergruppen einmal 525 Teilnehmer stellte.

Doch in den 1990er-Jahren gingen die Zahlen stark zurück. Grund war der Abzug der kanadischen Streitkräfte aus Lahr. Wie alle Vereine in der Region, die Wandertage anboten, bekam dies auch der Dörlinbacher Radfahrverein zu spüren. Zwar konnten die Wandergruppen aus dem benachbarten Elsass ein wenig den Rückgang kompensieren, aber an die Teilnehmerzahlen des einstigen Dauerabonnementssiegers – den „Kanadischen Wanderfreunde“ – kamen die Gruppen aus dem benachbarten Frankreich nie ran. Allerdings kristallisierte sich mit dem „Club Randoneurs Boofzheim“ einer neuer Abonnementssieger heraus. Jahr für Jahr räumten die Boozheimer den Siegerpokal für die teilnehmerstärkste Gruppe ab, bis sie mit dem „Panda-Club Westhouse“ eine ernsthafte Konkurrenz bekamen. Und wenn mal ein anderer Wanderverein den beiden elsässischen Gruppen den Sieg streitig macht, dann kam er in der Regel auch von der anderen Rheinseite. So wie zuletzt im Jahre 2016 der „Club der Marche Cernay“. Nach der Jahrtausendwende musste sich der Radfahrverein auf Gesamtteilnehmerzahlen um die 1000 einstellen. Aber immer seltener ging es über diese magische Zahl. Im besagten Jahr als die Gruppe aus dem elsässischen Cernay gewann kratzte man mit 977 Teilnehmern noch einmal knapp die 1000er-Marke.

Was macht der Reiz solcher Volkssportveranstaltungen im Tal aus? Viele loben immer wieder die Streckenauswahl. Der Verein sucht jedes Jahr neue Strecken aus, sodass auch bei den treuesten Teilnehmern keine Langeweile aufkommt. Und treue Teilnehmer gibt es bei den Wandertagen rund um Dörlinbach wahrlich zuhauf. Dies liegt zu einem auch daran, dass inzwischen auch heimische Vereine und Vereinigungen sowie private Wandergruppen zum Mitmachen motiviert werden. Der größten Gruppe winkt ein Wanderpokal. Den „Schuttertäler Stiefel“, wie der Preis genannt wird, konnten schon viele in den Händen halten. Angefangen von der privaten Wandergruppe Ketterer, dem Roten Kreuz und der Damenriege bis hin zu Musikverein und Sportverein. Weiter profitiert der Verein von seinen Wanderfahrten zu anderen Vereine. Dann nämlich, wenn diese zum Gegenbesuch zu den eigenen Wandertagen kommen. Und gelegentlich wird es dann auch ganz international. So gab es auch schon Wandervereine aus Belgien und Luxemburg, die den Dörlinbach mit einem vollen Bus abstatteten.

Diese Volkssportveranstaltung ist für viele auch ein Ansporn, denn die Wandertage werden auch für das internationale Volkssportabzeichen gewertet. So kommt es auch immer wieder vor dass manche Teilnehmer an beiden Veranstaltungstagen auf die Strecke gehen, um möglichst viele Kilometer für das Wertungsheftchen zu machen. Andere wiederum freuten sich auf die Medaille. Dabei haben die sogenannten „Medaillen“ kaum was mit einer Medaille zu tun. Die Wanderpreise, die jeder Teilnehmer gegen einen Obolus erlaufen konnte, waren vielfältig. Zunächst waren es Teller mit heimischen Motiven, sowie Schwarzwald-Puppen. Beide Serien wurden allerdings nicht fortgesetzt. Es folgten Krüge und andere Tonarbeiten. Heutzutage gibt es solche „Einzelbelohnungen“ für die Teilnehmer nicht mehr. Der Lohn ist für viele einfach das Genießen der Landschaft und die Einkehr an den Kontrollstellen. Da gibt es aber auch jene, denen die herrliche Aussicht auf den Höhen des Schuttertals egal ist, und die Strecken im Marathontempo durchlaufen – einfach nur des Trainings wegen.

Die Motivation ist also vielfältig. Dazu gehört auch für manch einen einfach nur das Gesellige und das Wiedersehen mit Freunden und alten Bekannten. Und da gibt es einiges an Geschichten, die die Volkswandertage im Laufe der Jahrzehnte mit sich brachten. Manch einer wird sich vielleicht noch an den „Meerrettichmann“ erinnern. Er kam über viele Jahre nach Dörlinbach, wurde oft schon sehnsüchtig erwartet, weil er immer Meerrettichknollen mit dabei hatte, die er großzügig verteilte. Oder jener Gast, der nahezu regelmäßig den letzten Bus aus dem Tal heraus verpasste, weshalb er immer wieder von Vereinsmitgliedern nach Lahr gefahren werden musste. Großes Aufsehen erregte über fast ein ganzes Jahrzehnt ein Schweizer. Er hatte stets einen Kater dabei, der ihm buchstäblich im Nacken saß. Wie ein Pelzkragen lag er dem Wanderteilnehmer aus der Schweiz um den Hals. Einmal wollte ein Vereinsmitglied wissen, wieso der Kater nicht hin und wieder mal zu Boden fällt. Das hätte er lieber nicht gefragt. Der Schweizer bat den jungen Mann neben ihn zu stehen und auf Kommando wechselte dann tatsächlich der Kater seinen angestammten Platz hin zu dem Dörlinbacher. Als dann der Kater seine Krallen in dessen Schultern verzurrte, wusste der junge Mann sehr schnell und schmerzhaft, warum der Kater nie von der Schulter fällt.

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