Rindviecher „schreiben“ Geschichte(n)

 

 

Grasende Rinder prägen die Landschaft des Schuttertals wie kein anderes Tier. Aus dem etymologischen Wörterbuch entnehmen wir, dass der Name Rind beziehungsweise Rindvieh für wiederkäuende, horntragende Paarhufer steht. Besonders für deren Zuchtformen, die als Milch- und Fleischlieferanten sowie als Zugtiere gehalten werden.

Grasende Rinder prägen die Landschaft des Schuttertals wie kein anderes Tier.

Und der derer gibt es auch heutzutage noch viele im Schuttertal. Ungeachtet des Geschlechts gilt nämlich „Rind“ als Oberbegriff für diese kostbaren Nutztiere. Am meisten vertraut ist uns die Kuh, insbesondere die Milchkuh. Respekteinflößend ist sicherlich der Stier, ein geschlechtsreifes männliches Hausrind, das oft meist Bulle genannt wird. Der Ochse ist ebenfalls männlich. Er hat jedoch keine Chance Nachwuchs zu zeugen. Denn jene werden schon als männliches Kalb kastriert, was sie letztlich zum Ochsen macht.

Grasende Rinder prägen die Landschaft des Schuttertals wie kein anderes Tier.
Eine Momentaufnahme vergangener Tage: Wendelin Kaspar (1912 bis 1981) mit seinem Ochsengespann beim Bahnen im tiefverschneiten Dörlinbach. Ob es aber tatsächlich ein Ochsengespann war ist allerdings umstritten.

Egal wie sie ausgesprochen werden: Ob Rind, Rindvieh oder Rindviech, ob Kuh, Kiah oder Kuah, ob Stier, Stia oder Bulle, ob Ochs oder Ox – von jeder Spezies hat schon mindestens ein Vertreter beziehungsweise eine Vertreterin Geschichte in unserem Ort geschrieben. So wie zwei jüngst an Ostern 2022 ausgebüxte Kühe, die im Ort nicht nur manche Leute in Atem hielten, sondern womöglich dem einen oder anderen Osterhasen die Schau gestohlen hatten. Allerdings reichte deren Ausflug nicht für Schlagzeilen, sondern nur für Dorfgespräche.

Das vermeintliche Ochsengespann

Zwei vermeintliche Ochsen haben es sogar in eine Ausstellung, in historische Bücher und in die lokale Medien geschafft. Es gibt nämlich eine alte Aufnahme, die Wendelin Kaspar (1912 bis 1981) aus dem Dobel mit seinem Ochsengespann beim Bahnen im tiefverschneiten Dörlinbach zeigt. So ist es zumindest in der Bildunterschrift nachzulesen. Doch schenkt man Kaspars Nachfahren glauben, besteht das Gespann nicht aus Ochsen. Ochsen hin oder her, es ist jedenfalls eine schöne Momentaufnahme aus vergangenen Tagen. Veröffentlicht wurde das Foto unter anderem in dem Bildband „Erinnerungen an vergangene Tage“ von Heimatforscher Gerhard Finkbeiner (1940 bis 2009), der die Gemeinde Schuttertal in alten Fotos von 1850 bis 1950 zeigt. Der im Herbst 1986 vom Historischen Verein Seelbach-Schuttertal herausgegebene Bildband stieß gleich auf großen Zuspruch. Schon in den ersten sechs Monaten konnten über 1400 Exemplare verkauft werden.

Die Bullen Kelte und Toruf

Für Schlagzeilen in der Presselandschaft sorgten Anfang der 1990er-Jahre sogenannte Zuchtbullen. Anlass war der Abschied von Deckbulle „Kelte“ und dem damit verbundenen Einstand seines Nachfolgers „Toruf“. Zu jener Zeit hatte die Gemeinde Schuttertal in Dörlinbach drei solcher Deckbullen. Insgesamt waren es zehn Zuchtbullen, allesamt Vorderwälder-Stiere, die alle in privaten Ställen untergebracht waren. 1025 Kilogramm (oder andersherum gesagt 20 und einen halben Zentner) wog „Kelte“ als er nach gut dreijähriger „Amtszeit“ als Deckbulle in Dörlinbach ausgedient hatte. „Kelte“ war auf dem Wanglerhof zu Hause und beglückte jährlich etwa 100 Kühe im Auftrag der Gemeinde. „Kelte“ war sozusagen ein Angestellter der Gemeinde. Denn früher war es üblich, dass jede Landgemeinde einen sogenannten Farrenstall hatte und in diesem einen oder mehrere Zuchtbullen hielt oder diese – wie in Schuttertal üblich – im Auftrag der Kommune auf einem landwirtschaftlichen Hof bereitgehalten wurden. Bis zum Jahr 2000 waren übrigens die Gemeinden gesetzlich dazu verpflichtet, männliche Zuchttiere zu halten.

„Keltes“ Platz bei Hofbauer Wilhelm Wangler nahm „Toruf“ ein. Mit eineinhalb Jahren war er damals im März 1990 Schuttertals jüngster Bulle. Erstanden hat ihn die Gemeinde Anfang 1990 auf dem Bullenmarkt in Donaueschingen. Ein Prachtexemplar, für das die Gemeinde auch eine stattliche Summe löhnen musste: Für 4100 Mark wechselte damals „Toruf“ von Donaueschingen nach Dörlinbach zum Wanglerbauer. Natürlich überzeugte sich die Gemeinde vor dem Kauf über „Torufs“ exzellenten Stammbaum. Und darin erfuhren sie, dass nicht nur „Torufs“ Vater erstklassige Zuchtwerte vorweisen konnte, sondern auch, dass seine Mutter und Großmutter hervorragende Milchwerte zu Buche stehen hatten.

Kuhfladen-Roulette und Kuhmelk-Wettbewerb

Für Schlagzeilen sorgten in Dörlinbach mitunter auch weibliche Rindviecher. Beispielsweise im September 1993 beim Bergfest der Rotkreuzler, die sich als Attraktion ein sogenanntes Kuhfladen-Roulette ausgedacht hatten. Diesem Glücksspiel der besonderen Art, bei dem die Kuh als Glücksfee agiert, haben wir einen besonderen Blog-Beitrag gewidmet. Mehr Infos dazu gibt es unter „Derlebacher G’schichtle – Folge 9: Der Schiss ins Glück – oder auch nicht?!“.

Schon vier Jahre zuvor spielte eine Kuh ein gewichtige Rolle bei einem Fest im Dorf. Doch damals im August 1989 konnte die eigens dafür importierte Spezial-Kuh weder weglaufen, noch mit dem Schwanz um sich schlagen. Es war nämlich eine hölzerne Kuh. Die Bremsdorfer Narrenzunft hatte im Rahmen ihres „Bremmewinkel-Hocks“ zu einem Kuhmelk-Wettbewerb an den Unterrain eingeladen. Das Spektakel fand allerdings wegen teilweise regnerischem Wetter nicht am Schutterstrand im Bremmewinkel sondern auf dem Gelände einer naheliegenden Werkshalle statt. Schon am Abend des ersten Festtags musste die stattliche Holzkuh über 60 Melkvorgänge über sich ergehen lassen. Am zweiten Festtag, ein Sonntag, ging es dann erst richtig zur Sache. Gleich reihenweise wurden die Bestleistungen des Vorabends überboten. Der Wettbewerb entwickelte sich fast zu einer reinen Familienangelegenheit. Denn die Striegels aus dem Nachbarort Schweighausen stritten sich nahezu konkurrenzlos darum, wer sich am Ende bester Melker beziehungsweise beste Melkerin des Schuttertals nennen darf. Unter den zehn Besten in der Ergebnisliste tauchte somit gleich sieben Mal der Familienname Striegel auf. Bester Melker wurde schließlich Roman Striegel mit einer Bestmarke von 873 Gramm Milch in einer Minute vor Matthias Striegel, der es auf 839 Gramm brachte. Als bester Dörlinbacher rangierte auf Platz drei Norbert Göppert mit 772 Gramm Milch. Erwähnenswert auch, dass gleich danach als beste Melkerin Monika Striegel mit einer Bestleistung von 738 Gramm den vierten Rang belegte.

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