Seelbacher und ein Oberweierer legten die Grundsteine

 

 

Mit der Entdeckung Amerikas im Jahre 1492 durch Christoph Columbus kam der Tabak und somit das Rauchen nach Europa. Erste Tabakblätter erreichten im Jahre 1519 das europäische Festland. In die Region kam die Tabakpflanze erst einige Jahre später. Erstmals angepflanzt wurde Tabak im Jahre 1620 im Raum Straßburg. Verschiedene Quellen weisen daraufhin, dass schwedische Soldaten im Dreißigjährigen Krieg den Tabak in der Region bekannt gemacht hatten. Die Folge: In der fruchtbaren Rheinebene wurde verstärkt Tabak angebaut.

Der Bildausschnitt gewährt ein Blick auf die beiden früheren Zigarrenfabrik-Filialen im Mühlweg..

Mit der Pflanze fasste auch nach und nach die Fabrikation in der Region Fuß. Die erste Zigarrenfabrik in der Stadt Lahr gründete im Jahre 1840 Adolf Friedrich Bader (1808 bis 1889) aus Karlsruhe. Und mit Wilhelm Leser aus Freiburg, der im Jahre 1860 in Seelbach die erste Zigarrenfabrik gründete, rückte das Zigarrenrollen im näher an Dörlinbach heran. Franz Krämer (1833 bis 1911) war es dann, der nicht nur im Jahre 1864 in seiner Seelbacher Heimat ebenfalls mit der Zigarrenherstellung begann, sondern diese am 21. November 1898 auch nach Dörlinbach brachte.

Noch bis in das neue Jahrtausend hinein war dem alten Fabrikgebäude im Mühlweg Nr. 3 anzusehen, dass darin einmal Zigarren hergestellt wurden. Der Oldtimer wurde erst später angebracht und erinnert an die Nachfolgezeit als sich kurzzeitig ein Oldtimer-Museum darin befand.
Die einstige Zigarrenfabrik im Mühlweg Nr. 3 wird heute als ein privates Mehrfamilienhaus genutzt.

In den Jahren 1901 / 1902 erstellte Franz Krämer die erste Zigarrenfabrik in Dörlinbach. Das Filialgebäude wurde im heutigen Mühlweg errichtet. Etwa zur gleichen Zeit wie Krämer hatte auch der Oberweierer Fabrikant Franz Geiger (1871 bis 1918) mit der Zigarrenfabrikation begonnen. Auch er richtete sich in Dörlinbach eine Filiale ein. Geiger beginnt am 22. August 1904 im großen Saal beim „Engel“-Wirt Wilhelm Grimm (1847 bis 1926) mit der Zigarrenherstellung. Doch der Oberweierer Fabrikant hatte nur ein kurzes Gastspiel in Dörlinbach. Ein zweiter Seelbacher Geschäftsmann kam nun ins Spiel. Dabei handelte es sich um Seelbachs damaligen Rathauschef Christian Himmelsbach (von 1986 bis 1910 Bürgermeister im Marktflecken). Er, der im Jahre 1872 in Seelbach eine Zigarrenfabrik gründete, übernahm am 2. Januar 1906 Karl Geigers Dörlinbacher Zigarrenfabrik-Filiale mit seinerzeit knapp 100 Arbeiterinnen und Arbeiter. Wie schon Krämer erkannte auch Himmelsbach die überaus günstigen Produktionsbedingungen im hinteren Schuttertal und insbesondere in Dörlinbach. Denn vor allem hier im Ort war damals das Angebot an billigen Arbeitskräften enorm hoch. Für Christian Himmelsbach war auch schon bald der „Engel“-Saal nicht mehr ausreichend. Er baute in den Jahren 1912 / 1913 im Neudorf ein neues Fabrikgebäude zur Zigarrenherstellung direkt an der Ortsdurchgangsstraße.

Zigarren wurden zu Hause gerollt

In beiden Fabriken florierte die Zigarrenherstellung. Oft arbeiteten ganze Familien in den Fabriken. So hieß es in jenen Zeiten vor allem für Mädchen, nach der Schulentlassung ab in die Zigarrenfabrik zum Geld verdienen. Dadurch konnten beziehungsweise mussten sie zum Lebensunterhalt der Familie beitragen. Nach der Heirat und der Geburt der Kinder nutzten viele Frauen jedoch die Möglichkeit, die Zigarrenherstellung in Heimarbeit weiter ausüben zu können. Die Zigarrenherstellung bot so über viele Jahrzehnte hinweg für eine sichere Verdienstmöglichkeit. Und Frauen, die es mit dem Haushalt zu Hause vereinbaren konnten, gingen wieder zurück in die Fabrik. Da oft die ganze Familie davon profitierte, führte dies letztlich auch zu einem bescheidenen Wohlstand unter der nicht bäuerlichen Bevölkerung.

Im Jahre 1919 kam erstmals Elektrizität in den Ort kam, die durch Wasserkraft erzeugt wurde. Dadurch gestaltete sich vieles einfacher in der Produktion. Und glücklicherweise waren die Dörlinbacher Fabriken auch von den vermehrt aufkommenden Betriebsschließungen in der Tabak verarbeitenden Industrie nach dem Ersten Weltkrieg nicht betroffen. Doch das Zeitgeschehen sollte letztlich auch in der Dörlinbacher Zigarrenfertigung seine Spuren hinterlassen. So bedeutete beispielsweise ein im Jahre 1933 von der nationalsozialistischen Regierung erlassenes Maschinenverbot für die Zigarrenindustrie eine vollständige Rückumstellung der Zigarrenherstellung auf Handwicklung. Hinzu kam, dass die Zigarrenfabriken auch nach dem Zweiten Weltkrieg vor großen Problemen standen. Zu Beginn des Jahres 1952 kam es schließlich zu Kurzarbeit in beiden Dörlinbacher Fabrik-Filialen. Die Krämer-Filiale im Mühlweg, inzwischen von Otto Krämer (Seelbach) und der F. L. Biermann & Cie. (Lahr-Dinglingen) als Zigarren- und Stumpenfabrik geführt, musste sogar die Arbeit ganz einstellen, die Leute entlassen. Das Gute jedoch: Die Filiale wurde von der Stumpenfabrikation Burger & Söhne aus Emmendingen übernommen, alle wurden wieder eingestellt, womit der Betrieb mit über 100 Arbeiterinnen und Arbeiter weitergehen konnte. Auch im Neudorf ruhte zunächst die Arbeit. Die dortige Himmelsbach-Filiale konnte mit rund 60 Arbeiterinnen und Arbeiter die Fertigung im Spätsommer 1952 wieder aufnehmen. Allerdings wechselten auch hier die Besitzverhältnisse. Im Neudorf wurden nun für die Zigarrenfabriken Weißer Rabe, Wilhelm Ermeler & Co. GmbH, in Lahr produziert.

Einstellung und Abfindung

Doch für die Zigarrenproduktion lief es immer schlechter. Die schneller gerauchte Zigarette wurde immer beliebter als Zigarren. Die Folge: Die Zigarrenindustrie in Baden stand vor dem Aus. Und so kam es auch, dass im Jahre 1976 sich der Verband der Oberbadischen Zigarrenhersteller auflöste, da es keine Mitglieder mehr gab. Denn die hiesigen Zigarrenfabriken in Dörlinbach und anderswo hatten ihre Arbeit mittlerweile eingestellt. Dies hatte auch zur Folge, dass Unterstützungskassen wie beispielsweise der Firma Weißer Rabe, Wilhelm Ermeler & Co. GmbH, im selben Jahr liquidiert wurden und die Zigarrenarbeiterinnen und -arbeiter, die im Neudorf tätig waren, eine Kapitalabfindung für die laufenden Rentenleistungen erhielten. Zum Prozedere der Abwicklung haben wir der Bildergalerie beispielhaft Ablichtungen vom Schriftverkehr beigefügt.

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